Von Räubern, Zirkusdirektoren und USA T-Shirts.

Eine Deutschstunde mit  Schauspieler Peter Schneider

Es herrscht ungewohnte Ruhe in Zimmer 302. An die [ich denke es waren ca. 50] Schüler sitzen verhältnismäßig ruhig und mit erwartungsvollen Blicken auf ihren Plätzen. Am Lehrertisch finden sich zwei sichtlich aufgeregte Herren mit Gemeinsamkeiten und Unterschieden. Den Ersten kennen wir als unseren Deutschlehrer Herr Jopp, den Zweiten nur von der Leinwand. Es handelt sich um den Leipziger Film- und Theaterdarsteller Peter Schneider. Beide verbindet die Leidenschaft zum Schauspiel, und die Tatsache, dass sie einmal den Gedanken hatten Lehrer zu werden. Umgesetzt hat diesen Gedanken jedoch nur einer von Beiden.

Die Stunde wird locker mit einer Begrüßung eröffnet und sogleich mit einem kurzem „Best of Peter Schneider“, bestehend aus einigen Filmszenen fortgesetzt. Der Kurs amüsiert sich köstlich über Schneiders Darbietung des Entzugsklinikpatienten „Pete“ aus „Berlin Calling“ und dessen verzweifelten Versuch, unter lautstarker Artikulation seiner Unzufriedenheit mit der Gesamtsituation das USA-Shirt zu finden, welches sich bereits an seinem Oberkörper befindet. Die mitunter schwer zu ertragenden Konzentrationslager-Szenen aus „Nackt unter Wölfen“ hingegen hinterlassen einen bitteren Beigeschmack bei den Kursteilnehmern, denn bei all der zu bewundernden Schauspielkunst bleibt die Geschichte von Buchenwald eine sehr düstere.

Hätte man ihn nicht gerade eben noch in einem äußerst bekannten Film mitspielen sehen, so hätte man diesen symphytischen, bodenständigen, ja sogar beinahe schüchternen Herrn sicher nicht für einen Schauspieler dieser Größenordnung gehalten. Zu verfestigt ist das Bild in unseren Köpfen, von Schauspielern, die mehr wandelnde Kunstfiguren als Menschen sind und zwischen mehreren Persönlichkeiten zu mäandern scheinen.

Nicht jedoch Peter Schneider, der so wunderbar unbeschwert auf alle Fragen eingeht, die ihm die Schüler ganz ohne jene eigenartig ehrfürchtige Distanz stellen, zu der Menschen stets neigen, wenn sie mit bekannten Persönlichkeiten reden.

„Ein guter Regisseur hat alles in der Hand, wie ein Zirkusdirektor.“ antwortet er auf die Frage, ob man sich denn als Schauspieler auch künstlerische Freiheiten erlauben dürfe. Vorbereitung auf neue Rollen, bedeutet sich mit Informationen über die Figur und das Werk, dem sie entspringt vollzusaugen, erläutert er weiter. Um sich in einen Charakter hineinzuversetzen, ist es hilfreich, sich der Überschneidungen zwischen der eigenen und der fiktionalen Persönlichkeit bewusst zu werden. Als Theaterschauspieler scheint Peter Schneider die gelungene Inszenierung noch über seine eigene Interpretation der Rolle zu setzen, was ein großes Zeichen für die Wertschätzung ist, die er der Arbeit von Autor und Regisseur entgegenbringt.

Gegen Ende der äußerst kurzweiligen Stunde sollten seine auf der Theaterbühne erworbenen Darbietungsfähigkeiten jedoch noch einmal auf die Probe gestellt werden. In verteilten Rollen liest er als Karl, mit Johanna als Amalia, Akt 1, Szene 3, aus Schillers Räubern. Selten hat man einen Menschen seine Stimme in so kurzer Zeit, so unfassbar vielfältig wandeln hören. Von subversiv und hinterhältig bis theatralisch und expressiv werden alle Stimmungen der Figur in beeindruckender Art und Weise zum Ausdruck gebracht. Peter und Johanna beenden ihr szenisches Spiel unter lautem Beifall, und plötzlich war sie wieder da, diese ungewohnte Ruhe in Zimmer 302.

 

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